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Mistral 4300

5. Juli 2021

Schon immer war mein Traum, mal was grösseres als meine Besenstiele an den britischen Hängen zu fliegen. Am liebsten einen schnellen Scale-Segler mit mindestens 4m Spannweite bzw. einen Zwecksegler ohne Besenstielrumpf. Natürlich hätte ich eine Alpina 4001, die eigentlich ein perfektes Modell für gewisse Hänge wäre, doch in mir sträubt sich etwas, dort einen Elektrosegler über die Kante zu schmeissen. Die Lunak ist definitiv zu sperrig für Busferien, weshalb auch diese wegfällt für diesen Zweck. Die 3m Fox ist schon sperrig genug. Und die ebenfalls perfekt geeignete Glasflügel Hornet/Mosquito, die ich zu diesem Zweck bauen wollte, ist halt noch nicht fertig. Ok, noch nicht mal angefangen…

Doch kurz vor dem UK-Trip 2019 tauchte auf Ricardo eine Windwings Mistral 4300 (heute bei Paritech gefertigt), einem perfekt in mein Beuteschema (auch, weil  sie mich sehr an die von mir damals vergötterte MPX Condor erinnernt)  passenden Modell, in unelektrifizierter Seglerform auf, deren Beschrieb eigentlich darauf schliessen liess, dass die ein erfahrener Modellbauer mit soliden Komponenten aufgebaut hat. Ebenso habe ich extra nochmals nachgefragt, ob das Ding in einem Zustand wäre, wo man nach Empfängereinbau und Programmierung problemlos losfliegen könne. Antwort war ein klares «Ja!»
Wie man sich täuschen kann. Es war mein grösster Griff ins Klo seit langem.

Abholen musste ich das Ding bei den Eltern des Verkäufers, die mit Modellfliegen angeblich nichts am Hut hatten. Somit gabs auch keine Gelegenheit, das Ding kurz aufzubauen und mir erklären zu lassen. Nicht, dass das bei so einem Modell zwingend nötig wäre, aber einige kapitale Bauverbrechen wären mir dann vermutlich aufgefallen, und ich hätte vom Kauf abgesehen. Nundann. (Noch) frohen Mutes begab ich mich nach Hause in meine Werkstatt.

Erstes Wow-Erlebnis: Das Seitenruder hatte 2cm Spiel pro Seite. Unfliegbar. Die Ursache war hauptsächlich ein mangelhaft abgestützter Scharnierdraht, sowie ein auf langer Strecke losgelöstes Bowdenzugführungsrohr. Ein passender Holzklotz und ein paar Tropfen Harz lösten das Problem. Nächste Baustelle: Das Höhenruderservo im Leitwerk war null fixiert und konnte in der Halterung herumrutschen. Durch diese Entdeckungen alarmiert, habe ich noch genauer nach Problemen gesucht. Die Flügel schienen soweit in Ordnung. Der 2s LiIo Empfängerakku war unsichtbar in einem 3D-gedruckten Gehäuse eingebaut. Der Erbauer scheint  eine Affinität zu Silikonkleber zu besitzen, so ziemlich alles war mit dem Zeugs verklebt. Nicht ideal, aber immerhin hält das Zeugs meistens. Man kanns einfach nicht reparieren, ausser man nimmt wieder Silikon.

Der Flügel wurde an der Nase bei der Wurzel einmal repariert. Nichts schlimmes, aber das ganze wurde lieblos mit mattem(!!) Lack überspritzt, ohne das restliche Modell vom Farbnebel abzudecken. Das sieht man nicht, aber es fühlt sich einfach Scheisse an, in Kombination mit dem eigentlich herstellerseitig schön gefertigten Modell.

Ein anderes WTF-Nicht-Feature war die «Schleppkuplung». Ein Schlitz weit hinten an der Rumpfseite (kann funktionieren, ist mir aber nicht ganz geheuer), ein Kupplungsservo ohne Schraube auf dem Ruderhorn, ein Bowdenzug ÜBER dem Schlitz und das freie Drahtende etwa 3cm weiter vorne. Das kann nicht und hat noch nie funktioniert!

 

Das ungeschützte Schleppkupplungsservo, der vom Bowdenzugrohr verdeckte Kupplungsschlitz und ein ungeschützter Spannungsregler

Die wenigen Stunden, die mir bis zur Abreise noch blieben, musste ich in dieses Modell investieren, war dann aber einigermassen zuversichtlich, dass ich in den Ferien auch damit fliegen kann. Programmieren musste ich halt unterwegs.

Irgendwo in den Yorkshire Dales habe ich dann auf einem Campingplatz angefangen, das Ding zu programmieren. Wegen dem aufwendigen 6-Klappenflügel ging das nicht in eimem Schnorz, deswegen musste ich andernorts weitermachen. Das geschah irgendwo in Wales. Dort ist mir erstmals aufgefallen, dass eine Wölbklappe einen Verzug von 2mm drin hatte. Ob das der Hitze im Bus unterwegs geschuldet ist oder schon beim Kauf so war, ist nicht mehr nachvollziehbar. Bei näherem Nachsehen entdeckte ich auch Risse in den Scharnieren (diese habe ich zuhause mit Elastosil wieder fixiert). Ebenso ist die Rückstellgenauigkeit der IDS-Anlenkung nicht so das Wahre, auch die Ausnützung des Servoweges von nur 25% für die passenden Ruderausschläge ist bäh. Irgendwann während des Programmierens entschloss sich eines der Wölpklappenservos, Parkinson zu kriegen, und mir nur noch wild flatternd zuzuwinken. Nix nützte, um das zu beheben und Ersatzteilläden gibts in Britannien praktisch keine. Das war’s dann mit der Mistral, die ab dem Augenblick nur noch sperriger Reiseballast war.  Der Traum, am Rhossili endlich mal einen grösseren Flieger durch die Gegend zu scheuchen, war geplatzt.

Weg mit dem Stecker, bei dem ich die kalten Lötstellen unter dem Kaugummi nicht erkennen kann..

Eines dieser Bluebird Servos. Die Silikonspritzer auf dem Servorahmen liessen die Abdeckung abstehen. Wie kann man nur so pfuschen?

Auch hier wurde suboptimal isoliert

Ich begann, mir Gedanken zu machen, wie ich mit dem Modell doch noch glücklich werden könnte. Erstmal Wölbklappe zum funktionieren zu bringen. Das Ersatzservo, ein KST-DS515MG, war bereits bestellt, nur war ich mir nicht mehr ganz sicher, ob ich das linke oder rechte austauschen musste. Also mal alles zusammenstecken und schauen, welcher der Servos mir freudig zuwinkt. Denkste. Zuhause funktionierte alles wieder ganz brav und wie es soll. Taminomol. @*#%!$!!!

Trotzdem oder gerade deswegen habe ich den wüst zusammengelöteten Kabelbaum durch einen sauber gelöteten ersetzt, in der Hoffnung, dass der Hund dort begraben war.

Da abzusehen war, dass im Seuchensommer 2020 nicht mit einem Einsatz an den Britischen Hügeln zu rechnen war, musste ich nun überlegen, wie ich das Teil hierzulande in die Luft bringen würde. Eine Idee für eine Schleppkupplung hatte ich nicht. Blieb noch die Motorisierung. Also in tagelanger Bohr- Schleif- und Feilarbeit 650g Blei aus der Nase kratzen, um Platz zu schaffen. Ich habe mich für einen Leomotion LeoFES L4638-405 an 6s entschieden, das kam einem Torcman am nächsten. Mit weniger kV hätte ich den Antrieb wohl noch effizienter machen können, leider waren diese Motoren aber nur mit langer Wartefrist zu haben. Im Nachhinein hätte ich warten sollen, da das Modell wiederum länger gegroundet war..

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Nasenblei herauskratzen…

Nun mit eingebautem Motor, einem BEC am Empfänger war das Modell dann endlich flugfertig, so hoffte ich. Beim Rudercheck auf dem Flugplatz war dann allerdings klar, dass das BEC die Spannung nicht halten konnte – und ausserdem began die Wölbklappe wieder zu flattern! @*#%!$!!!

Gut, da ich das Ersatzservo schon hatte, habe ich das Wölbklappenservo ersetzt und war irgendwie froh, dass sich das Flattern nochmals gemeldet hat, und zwar am Boden! Ausserdem blieb das rechteste Querruder manchmal unmotiviert zu lange in der Endstellung hängen und ging dann nicht mehr genau in die Mitte – ich dachte das wäre eine Folge der schwachen Stromversorgung.

Das BEC vom Regler habe ich abgehängt und zwei LiFePo im Schwerpunkt platziert, somit meldete meine Fernsteuerung auch nicht mehr ständig irgendwelche Spannungseinbrüche.

Später – im Juli 2020 – standen Hangflugferien in der Schweiz auf dem Plan, und das Modell reiste mit. Ich war optimistisch, dass ich endlich fliegen konnte. Trotzdem wollte ich Gewissheit, ob nicht ein Servo zu viel Strom braucht, und habe mit einem Multimeter den Strom gemessen. Der war bereits bei neutralen Klappen bei einem Ampère. Wie sich herausstellte, drückte ein Wölbklappenhebel an eine zu wenig ausgenommene Öffnung im Flügel. Mit einer Feile habe ich die Öffnung soweit ausnehmen können, dass der Strom wesentlich zurück ging.

Bei einem weiteren Rudercheck fiel mir auf, dass das rechteste Querruder immer noch zeitweise die Mitte nicht wieder fand. Also blieb das Modell immer noch am Boden.

Die verbauten Blue Bird Servos sind natürlich nirgends mehr zu kriegen. Die Servos waren trotz Einbaurahmen angeklebt, weil wohl der Zahnkranz nicht in die Fassung passte, und die Schraubenlöcher nicht bündig zu den Servolaschen waren. Die Schrauben waren trotzdem drin, im 45° Winkel… So war es ein weiterer Riesenärger, das Servo herauszunehmen, wollte ich doch die Flügelschale nicht beschädigen. Nachdem das Servo nach einigem Fräsen draussen war, musste – da das neue KST X-10 Servo um einen 10tel mm nicht in den Servorahmen passte, dieser auch nochraus. Nach etwas Bearbeitung mit dem Fräser lies sich das Ding dann aber einfach rausbrechen – ob die Verklebung im Flug gehalten hätte? Jetzt sind dort (und auch am anderen Flügel) X10 mit Gegenlagerhalterungen eingeklebt. Das wollte ich mal ausprobieren, und bin eigentlich ganz zufrieden damit. Der Servoeinbau ist durch die Gegenlager eigentlich fast einfacher geworden. Zum Problem wird das erst, wenn man ein neues Servo rein muss. Wenns dann keine X10 mehr gibt, muss auch wieder eine neue Halterung rein.

Der alte Ausbau. Im weissen Kästchen befanden sich zwei kleine LiIo Zellen, und das dünne Käbeli sollte 8 kräftige Servos mit Strom versorgen. Zur Abrundung des Ganzen war auch ein Balancerkabel ausgerissen.

Der neue Ausbau mit kräftigem BEC

Jetzt, im Juli 2021, schien endlich alles zu funktionieren, nach dem Programmieren zickte nix mehr herum, so dass ich das nun 1,5kg schwerere Modell endlich mal in die Luft schmeissen konnte. Auf dem Vereinsplatz war schnell ein Werfer gefunden, damit ich schon am Anfang die Pfoten am Sender hatte. Völlig unspektakulär zog der Motor die Kiste steil in den Himmel, nach einigen Trimmrunden, die bei der miesen Sicht nötig waren, flog sich die Mistral nun einwandfrei. Sie hat ein grosses Geschwindigkeitsspektrum, gut wirkende Butterfly-Bremsen und ist für die Grösse recht agil. Wie eng sie sich tatsächlich kreisen lässt, und wie sie sich im Abriss verhält, muss ich bei besserer Sicht noch ausloten.

Da strahlt er endlich, der Besitzer mit seinem zweitgrössten Modell nach dem Erstflug, nach all dem Frust und den Strapazen.